Videonale.scope #2 (2014)

19.-23. November 2014

Filmkunst als Beobachtung der Zeit: VIDEONALE.scope-Werkschauen von Chantal Akerman und Rainer Komers

 

Kuratiert von Daniel Kothenschulte

Veranstaltet im Rahmen von CineCologne

 

Gemeinsame Eröffnung der CineCologne-Festivals:
Mittwoch, 19.11.2014, 19 Uhr im Filmforum NRW im Museum Ludwig, Köln
Weitere Informationen: www.cinecologne.de

 

-- zum VIDEONALE.scope-Programm bitte nach unten scrollen --

 

Wenn es wahr ist, dass alle großen Filmemacher das Kino neu erfunden haben, dann ist Chantal Akerman dafür das beste Beispiel. Als Teenager sah sie zwei Filme, die ihr Leben veränderten: Jean-Luc Godards „Pierrot le Fou“ erlebte sie wie eine Erweckung. Und nach Michael Snows Avantgardefilm „Wavelength“, den sie 1967 sah, wusste sie, dass sie Regisseurin werden musste. Das Filmstudium, das sie daraufhin begann, schmiss sie bald hin: Dort lehrte man genau den Akademismus, den die blühende Avantgarde längst hinter sich gelassen hatte. Mit 18 nahm Akerman ihre Karriere in die eigene Hand, produzierte mit selbstverdientem Geld den ersten Kurzfilm „Saute Ma Vie“, der in Oberhausen Premiere hatte. Seitdem lässt sich das Werk der Belgierin als beständige Explosion begreifen: Befruchtet in den frühen Siebziger Jahren von einem New-York-Aufenthalt und der Begegnung mit dem blühenden strukturellen Kino und der Art, wie Jonas Mekas und Andy Warhol in ihren Filmen die Zeit einfingen, eroberte sie sich nach und nach alle Spielarten des Films: Zwischen Avantgarde, Dokumentarismus, Autorenfilm, Melodram, Literaturverfilmung und sogar das Musical. Weltruhm errang sie 1975 mit dem episch-experimentellen Drama „Jeanne Dielman – 32 Quai de Commerce“ und zählt heute zu den einflussreichsten Regisseurinnen der letzten vierzig Jahre.

 

Als Tochter einer Auschwitz-Überlebenden machte sie das Trauma zu einem wichtigen Thema. Einfache Kategorisierungen lehnt sie dabei ebenso ab, wie eine Vereinnahmung etwa durch den Feminismus. Es ist unmöglich, ihr immenses Werk, das sie in den letzten Jahren durch Videoinstallationen in großen Kunstausstellungen wie der Documenta und der Biennale Venedig erweitert hat, in fünf Tagen zu erleben. VIDEONALE.scope wagt dennoch eine Übersicht, beginnend – in originalen Filmkopien – mit den frühen Avantgardefilmen und dem vierstündigen Meisterwerk „Jeanne Dielman“. Erstmals ist auch ihre an den deutschen Kinos vorbei gezogene, imposante Joseph-Conrad-Verfilmung „La Folie Almayer“ zu sehen. Ein besonderer Höhepunkt ist ihr jüngst in den USA erfolgreich wiederaufgeführtes Pina-Bausch-Porträt „One Day Pina Asked“. Und die berührende Osteuropa-Reise „De L’est“ von 1993 lässt noch einmal erleben, wie das Erbe des strukturellen Films, die stumme, beobachtende Bildsprache, den Dokumentarfilm befruchtete. Qualitäten, die auch das Werk ihres Zeitgenossen, Rainer Komers auszeichnen, dem die zweite Werkschau gilt.

 

Mit Rainer Komers lebt einer der Propheten des modernen Kinos in unserem eigenen Land, in Mülheim an der Ruhr um es genau zu sagen. Kein Wunder, dass seine Filme überall auf der Welt bekannter sind als hier. Wie das Werk von James Benning, dem letztjährigen VIDEONALE.scope -Gast, erblüht es an der Schnittstelle zwischen dokumentarischer Beobachtung und jener behutsamen künstlerischen Umformung, die aus der bedächtigen Organisation von filmischer Zeit entsteht: Durch Bildkomposition und Montage. Die Kamera macht Komers selbst.

 

1944 geboren, studierte Komers zunächst Film an der Düsseldorfer Kunstakademie, später Fotografie an der Essener Folkwangschule. Sein bildnerisches Verständnis, eine Vorliebe für eine asketische Ästhetik, die in der Zurückhaltung einen besonderen Detailreichtum entfaltet, machte ihn zu einer der eigenständigsten Stimmen im künstlerischen Dokumentarfilm. Seine wortlosen Meisterwerke wie das japanische Städteporträt „Kobe“ (2006) und dessen amerikanisches Pendent „Milltown, Montana“ (2009) gehören zu den empfindsamsten Werken ihrer Art und wurden weltweit mit Preisen ausgezeichnet. Ebenso viel Beachtung erfuhr seine Trilogie „Erdbewegung“, die unkommentiert das Leben entlang von mächtigen Straßen durchschnittener Landschaften zeigt: der „B 224“ im Ruhrgebiet, den verzweigten „Nome Road System“ in Alaska und dem indischen Highway „NH 2“. Seine abendfüllenden Dokumentarfilme „Erinnerungen an Rheinhausen“ und „Ofen aus“ wurden zu kunstvollen Dokumenten eines Strukturwandels, der Leben und Landschaften in Nordrhein-Westfalen für immer verändert hat.

 

Für seinen lyrischen Dokumentarfilm „Lettischer Sommer“ zog es ihn 1993 zur selben Zeit nach Osteuropa, als Chantal Akerman ihr Werk „De L’est“ drehte, den wir am selben Abend zeigen. Beide Filmemacher nähern sich darin Regionen, die radikale politische Umwälzungen erlebten, mit den Mitteln einer filmischen Langsamkeit, die den Proportionen der Zeit weit mehr entspricht als alle Nachrichtenformate. Zum ersten Mal ist nahezu das gesamte Werk von Rainer Komers an einem Ort zu sehen.

 

Überall auf der Welt, in Alaska, Montana, Ecuador, Indien, Japan oder im Jemen, findet Komers Orte, die ihr Gesicht durch strukturellen Wandel verändern und entdeckt in ihnen auch im Verfall eine ungeformte Schönheit.

 

Zu den besonderen Entdeckungen dieser Werkschau aber gehören Komers‘ frühe politische Dokumentarfilme wie „Wozu braucht man eine DKP-Fraktion im Rathaus“ (1975) oder „Zigeuner in Duisburg“. Projiziert von originalen Filmkopien, spricht auch aus diesen ungeschönten Lebensbildern ein Überschuss an fotografischer Information, aus dem sich Rainer Komers‘ dokumentarische Filmkunst bis heute speist. Rainer Komers wird bei den Filmprogrammen zum Gespräch anwesend sein.

 

VIDEONALE.scope wird gefördert von:

 

     

 

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In Kooperation mit: 

 

              

 

 

PROGRAMM der VIDEONALE.scope

 


Rainer Komers:
2211 Büttel, 1975, 16mm, Farbe, 45 Min.
25572 Büttel, 2012, HD, 5 Min.
Kobe, 2006, Super 16mm, Farbe, 45 Min.

 

Do 20.11., 18.30-20.15h
Filmclub 813, Köln

 

Videostill aus: Kobe @ Rainer Komers

 

Büttel, ein Dorf in Schleswig-Holstein, definierte schon Komers Interesse für die Schönheit im Obskuren. 2013 kehrte er an den Spielort seines Erstlings zurück und findet eine merkwürdige, von einem Kernkraftwerk flankierte, gebrochene Idylle. Dazu eines von Komers Meisterwerken, das wortlose japanische Städtegedicht „Kobe“.

 

Rainer Komers ist zum Gespräch anwesend.

 


Rainer Komers:
Milltown Montana, 2009, Super 16mm, 34 Min.
Werkstattgespräch, Work in Progress, HD, 45 Min.

 

Do 20.11., 20.30-22.10h
Filmclub 813, Köln

 

Leere Stollen mit giftgrünem Wasser sind alles, was vom blühenden Bergbaugebiet Milltown geblieben ist. In ruhigen, beobachtenden Einstellungen führt Komers in eine postzivilisatorische Wüste, in der die Bergleute nur noch Billard spielen. Der Weg ist nicht weit zu seiner neuesten Auseinandersetzung mit dem Ruhrgebiet, die er – noch vor der Weltpremiere – im Anschluss exklusiv als Work in Progress präsentiert.

 

Rainer Komers ist zum Gespräch anwesend.

 


Rainer Komers:
Zigeuner in Duisburg, 1980, 16mm, s/w, 37 Min.
480 Tonnen bis Viertel vor Zehn, 1981, 16mm, s/w, 45 Min.
Die Sterne der Heimat, 1983, 16mm, 12 Min. 

 

Do 20.11., 22.30-0.15h
Filmclub 813, Köln
 

Videostill aus: Zigeuner in Duisburg @ Rainer Komers

 

Rainer Komers’ frühe Dokumentarfilme erfassen den Alltag ihrer Zeit im Bewusstsein, dass er nicht alle Tage bleiben wird. Für die Protagonisten von „Zigeuner in Duisburg“ ist der unwirtliche Lebensraum am Stadtrand, von Komers in strenge Landschaftsbilder gefasst, bereits verloren. Die Arbeiterkultur von Duisburg-Hochfeld sollte in der Zwischenzeit unseligen Sanierungsmaßnahmen weichen. „Die Sterne der Heimat“, inspiriert von Ronald Reagans fatalem Besuch des Soldatenfriedhofs Bitburg, wurde beim Filmfestival Krakau ausgezeichnet.

 


Rainer Komers:
Trilogie Erdbewegung:
B 224, 1999, 35mm, 23 Min.
NH2, 2004, DV, 52 Min.
Nome Road System, 2005, Super 16mm, 26 Min.

 

Fr 21.11., 18.30-20.15h
Filmclub 813, Köln

 

Videostill aus: Nome Road System @ Rainer Komers

 

Die Trilogie „Erdbewegung“, eines der modernen Meisterwerke des künstlerischen Dokumentarfilms, verfolgt unkommentiert das Leben in Landschaften, die von Verkehrswegen durchschnitten sind: der „B 224“ im Ruhrgebiet, den verzweigten „Nome Road System“ in Alaska und dem indischen Highway „NH 2“.

 


Rainer Komers:
Lettischer Sommer, 1993, Hi8, 87 Min.

 

Fr 21.11., 20.30-22.15h
Filmclub 813, Köln

 

Videostill aus: Lettischer Sommer @ Rainer Komers

 

Der abendfüllende Dokumentarfilm markiert eine Schnittstelle in Komers’ Werk zwischen klassischem Dokumentarfilm und der „freien Kunst“: Der dokumentarische Politkrimi über das Schicksal zweier lettischer Journalisten, von denen einer bei den Protesten in Riga starb, kontrastiert mit Komers’ lyrischer Erfassung der lettischen Landschaft und ihren Bewohnern.

 


Chantal Akerman:
D`Est (Aus dem Osten), 1993, 16mm, 115 Min. OF (ohne Dialog)

 

Fr 22.30-0.30h
Filmclub 813, Köln

 

Videostill aus: D´Est @ Arsenal, M. Stefanowski

 

Eine Reise in Bildern, von Ostdeutschland nach Moskau, vom Sommer in den Winter. „Alles, was sie berührt“ wollte Chantal Akerman filmen und verzichtet auf Kommentierung. Statische Einstellungen wechseln mit Kamerafahrten und definieren eine filmische Musik, unterstützt von einer feinfühligen Geräuschmontage.

 


Rainer Komers:
Erinnerung an Rheinhausen, 1990, 16mm, Farbe, 69 Min.
Ma’ Rib, 2009, Super 16mm, 30 Min.

 

Sa 16.30-18.45h
Theatersaal Kölnischer Kunstverein

 

Videostill aus: Ma’Rib @ Rainer Komers

 

Komers’ Dokumentarfilme halten die Zeit fest, am intensivsten an Orten wo sich Zustände und Lebensumstände für immer verändern. Als medienwirksam um den Erhalt der Krupp-Hütte in Rheinhausen gekämpft wurde, fasste er den Focus weiter – und fing eine ganze Arbeiterkultur im Verschwinden ein. Auch im jemenitischen Ma’rib liegen Vergangenheit und Zukunft nebeneinander, wenn mit Blick auf die Ruinen der Stadt Sabas eine Oase aus der Wüste gestemmt werden soll.

 

Rainer Komers ist zum Gespräch anwesend.

 


Chantal Akerman:
Saute ma Ville, 1968, 35mm, 13 Min. OF (ohne Dialog)
One Day Pina Asked, 1993, DVD, 57 Min. OmeU

 

Sa 19.00-20.15h
Filmclub 813, Köln
 

Videostill aus: Saute ma ville, @ Arsenal, M. Stefanowski

 

Kunstvoll komponiert und anarchisch in seiner Wucht, ist „Saute ma Ville“ einer der großen Debütfilme der Filmgeschichte: Die junge Frau, die hier mit den routinierten Handlungen ihres Lebens bricht, ist eine Vorbotin von Akermans „Jeanne Dielman“. „One Day Pina Asked“ ist ein bewegendes Filmporträt der großen Tanzkünstlerin Pina Bausch, das in amerikanischen Kinos derzeit als große Entdeckung gefeiert wird.

 


Chantal Akerman:
Jeanne Dielman, 23 Quai de Commerce, 1975, 35mm, 202 Min. OF

 

Sa 20.30-24.00h
Filmclub 813, Köln

 

Videostill aus: Jeanne Dielman @ Paradise Films

 

Ebenso monumental wie minimalistisch wurde diese Chronik dreier Tage im Leben einer Hausfrau und Mutter, die sich täglich prosituiert, bis sie schleichend mit der Routine ihres Alltags bricht, zu einem Klassiker des modernen Films. Akerman übertrug damit die Stilmittel des Avantgardefilms in den Spielfilm und führte beide Filmarten zu neuen Höhen.

 


Chantal Akerman:
La Chambre I, 1972, 11 Min. OF (ohne Dialog)
Hotel Monterey, 1972, 65 Min. OF (ohne Dialog)

 

So 16.30-18.00h
Filmforum Museum Ludwig, Köln

 

Videostill aus: La Chambre @ Chantal Akerman

 

Deutlich beeinflusst von den amerikanischen Avantgarde-Filmemachern Andy Warhol und Michael Snow, zeichnet sich Chantal Akermans konzeptuelles Frühwerk durch ein beeindruckendes Gefühl für das filmische Verhältnis zwischen Raum und Zeit aus: Strenger und konsequenter noch als Warhols „Chelsea Hotel“ ist „Hotel Monterey“ ein faszinierendes Porträt einer Heimstätte für Außenseiter und Gestrandete.

 

In Kooperation mit Kurzfilmfestival Köln – Unlimited, Filmforum NRW

In Kooperation mit CINEMATEK - Koninklijk Filmarchief, Brüssel

 


Chantal Akerman: La folie Almayer (Drama), 127 Min. OmeU

 

S0 19.00-21.15h
Filmclub 813, Köln

 

Videostill aus: La folie Almayer @ Shellac

 

Auch Chantal Akermans jüngster Film, der nie nach Deutschland kam, ist eine künstlerische Neuerfindung. Nach der Vorlage von Joseph Conrads Romanerstling „Almayers Wahn“ führt die Regisseurin in den Dschungel von Malaysia und verlegt die Geschichte um einen niederländischen Unternehmer und seine glücklose Ehe in den Spätkolonialismus der 50er Jahre. Als Vorbild nannte sie Murnaus Stummfilm „Tabu“.

 

 


 

Rainer Komers:
Seseke Classic, 2010, HD, 5 Min.
Bottrop: Nützt dem Bürger eine DKP-Fraktion im Rathaus?, 1975, 16mm, s/w, 35 Min.
Ofen aus, 1995, 16mm, Farbe, 75 Min.

 

So 21.30-23.30h
Filmclub 813, Köln

 

Videostill aus: Ofen aus @ Rainer Komers

 

„Wir leben jetzt in einer Zeit, in der wir unseren Abfall liebevoll bedenken müssen, um uns selbst vor der Vernichtung durch Abstraktion zu bewahren“, heißt es im Abspann zu „Seseke Classic“ einer Studie um den Bau eines Kanals als künstliches Stücks Natur. Auch die kommunistische Partei im Rathaus erscheint – in Komers seltenen Frühwerk – manchen als Fremdkörper. Oder ist doch nur die Demokratie ein Fremdwort? Zum Schluss: Der Abschied vom Stahlwerk in Rheinhausen.

 

Rainer Komers ist zum Gespräch anwesend.