Videonale.scope #1 (2013)

16.11.-24.11.2013

Retrospektiven: Birgit Hein und James Benning

Mit Videonale Scope eröffnet die Videonale Bonn eine neue Veranstaltungsreihe, die sich den Übergängen und Schnittstellen zwischen Film- und Videokunst widmet. Das von Daniel Kothenschulte kuratierte Programm startet mit Retrospektiven zweier weltbekannter Filmkünstler, die seit rund vier Jahrzehnten die Filmavantgarde prägten: Die gebürtige Berlinerin Birgit Hein und der Amerikaner James Benning. Beide werden ihre Werke mit dem Publikum diskutieren. So unterschiedlich ihre Positionen dabei auch sind – Hein wurde mit ihren oft explosiv geschnittenen Materialcollagen zu einer Wegbereiterin des Found-Footage-Films, Benning ist berühmt für lange, asketische Landschaftaufnahmen von hoher meditativer Kraft, haben sie doch viel gemeinsam: Beide wurden 1942 geboren und reüssierten aus dem strukturellen Experimentalfilm; beide schöpfen aus dem reichen ästhetischen Fundus des frühen Kinos, beide inspirierten als Filmprofessoren viele heute namhafte Schüler.

 

 

Gefördert durch:

 

 

In Kooperation mit:

 

 

 

PROGRAMM der VIDEONALE.scope


Birgit Hein: Found-Footage-Filme, 1968-2013

Sa 16.11., 18.00 – 19.45h
Auditorium, Kunstmuseum Bonn

Birgit und Wilhelm Hein gehörten um 1968 zu den Pionieren des „Found Footage“-Films und machten in ihren Werken die Reproduktionsprozesse des Films sichtbar. Als „visuelles Bombardement“ (S. Dwoskin) zerstören sie in Rohfilm (1968, 20’) das geläufige „Filmbild“. In Reproductions (1968, 28’) werden Reisefotos in Grautöne aufgelöst. Portraits (1970, 15’) verändert abgefilmte Bilder im Entwicklungs- und Kopierprozess. In ihren jüngeren Videoarbeiten nimmt Hein diese Stilmittel wieder auf, ebenso das Misstrauen gegenüber einer offiziellen Bildproduktion. Kriegsbilder (2006, 10’) ist eine Montage von Kriegsbildern seit dem Zweiten Weltkrieg, Abstrakter Film (2013, 9’) zeigt Handyvideos der Kämpfe in Libyen und Syrien.

 

Birgit Hein ist zum Gespräch anwesend.

 

 

 


Birgit Hein: Baby I Will Make You Sweat / 625

Sa 16.11., 20.00 – 22.00h
Auditorium, Kunstmuseum Bonn

Baby I will make you sweat (1994, 63‘; Musik: POL). Heins Auseinandersetzung mit dem Thema Sex-Tourismus ist ein intimes Reisetagebuch über das Älterwerden und das Bedürfnis nach Zärtlichkeit. In der Nachbearbeitung des Videomaterials auf 16mm erreicht sie eine Distanz, die mit dem Realismus des elektronischen Mediums bricht: „Ich bin immer hinter der Kamera spürbar. Das Persönliche des Films wird durch die hastig formulierten Tagebuchaufzeichnungen unterstützt, die die Erlebnisse schildern und die ich nicht abbilden konnte“.

Die Ästhetik durch das Medium Film gebrochener elektronischer Bilder erprobten B. und W. Hein in 625, benannt nach der Zeilenzahl des Fernsehschirms (1969, 34‘).

 

Birgit Hein ist zum Gespräch anwesend.

 

 

 


Birgit Hein: Die Kali-Filme

So 17.11., 20.00 – 22.00h
WOKI Kino, Bonn

Die Kali-Filme (1987-88, 70 Min) zählten beim Avantgarde-Publikum in London und New York zu B. und W. Heins populärsten Arbeiten. In ihren aggressiv montierten Materialcollagen dekonstruieren sie u.a. Horror- und Frauengefängnisfilme. „Die Kali-Filme zeigen Fantasien von Sexualität und Gewalt, die in der offiziellen Kultur tabu sind: in den Niederungen des Trivialfilms finden wir die Bilder für unsere eigenen niederen Instinkte. Kali ist eine Muttergöttin aus der indischen Hindu-Mythologie. Sie ist die gebärende und zugleich die tötende und kastrierende Frau. Seit Urzeiten fürchten sich die Männer vor ihrer Macht. Der Frauenfilm gibt ein Bild der Kali von heute.“ (B. Hein, 1988)

Die Ästhetik durch das Medium Film gebrochener elektronischer Bilder erprobten B. und W. Hein in 625, benannt nach der Zeilenzahl des Fernsehschirms (1969, 34‘).

 

Birgit Hein ist zum Gespräch anwesend.

 

 

 


James Benning: 13 Lakes (2005, 16mm, 134’)

Do 21.11., 19.00 – 21.45h
Filmclub 813, Köln

In einem der radikalsten und auch schönsten seiner Landschaftsfilme bietet Benning dem Publikum eine unvergessliche Zeiterfahrung: Alles, was es an Geduld investiert, erhält es vergoldet zurück. 13 große amerikanische Seen werden in ebenso vielen Einstellungen porträtiert, strukturiert durch Licht und Farben, Wetter und Jahreszeiten, Lärm und Stille. Eine Geschichte über Landschaft, Natur und Kultur, die uns zu hören und zu sehen lehrt. „In 13 Lakes geht es um Licht. Um Licht, das vom Himmel auf Wasser fällt. […] Mir stellte sich das Problem, alle Seen auf die gleiche Weise zu kadrieren (halb Himmel, halb Wasser) und gleichzeitig ihre Einzigartigkeit einzufangen.“ (J. Benning)

 

James Benning ist zum Gespräch anwesend.

 

 

 


James Benning: Eleven By Fourteen (1977, 16mm, 81’)

Do 21.11., 22.00 – 24.00h
Filmclub 813, Köln

Bennings erster abendfüllender Film ist eine Landschaftsstudie des Mittleren Westens. Bilder des Unterwegsseins wie eine minutenlange Hochbahnfahrt durch die Slums von Chicago. Benning wagte das Experiment eines USA-Films, in dem Form und Struktur die Hauptrollen spielen. „Erzählung und Ende sind absichtlich offen, um zu betonen, dass die Realität des Films nicht allein aus dem Film selbst, sondern aus der Erfahrung jedes Einzelnen kommen sollte, der den Film sieht; jeder Zuschauer sollte aus dem Film seine eigenen Metaphern entwickeln. Der Stil des Films – die Verwendung realer Zeit und einer dokumentarischen, stationären Kamera – widerspricht jedoch der Idee einer Metapher." (J. Benning)

 

James Benning ist zum Gespräch anwesend.

 

 

 


Birgit Hein: Die unheimlichen Frauen (1991, 63’)

Fr 22.11., 19.00 – 20.15h
Filmclub 813, Köln

„Vom Anfang der Geschichte an sind Frauen auch Täterinnen. Sie sind so mutig und tapfer wie die Männer, sie können genauso grausam und verbrecherisch sein und natürlich auch so geil. Dennoch existiert bis heute das Idealbild von Weiblichkeit 'aggressionslos - friedfertig – asexuell’ […]. Der Film zeigt […] gebärende, betrunkene, onanierende, starke Frauen, aber auch die beschnittenen, operierten und zerstückelten Opfer, die zahlen müssen für die Angst, die Frauen bei Männern auslösen. Szenen aus […] Dokumentarfilmen, Trivialfilmen und eigene, inszenierte Sequenzen sind zu einer Collage montiert… Dabei geht es immer auch um mich: meine Ängste und meinen Kampf, die eigene Stärke ausleben zu können.“ (B. Hein)

 

Birgit Hein ist zum Gespräch anwesend.

 

 

 


Film als Film: Gespräch mit Birgit Hein und Wulf Herzogenrath

Fr 22.11., 20.30 – 21.45h
Filmclub 813, Köln

„Film als Film“ hieß 1977 eine bahnbrechende Ausstellung im Kölnischen Kunstverein, die Birgit Hein gemeinsam mit Wulf Herzogenrath, dem damaligen Direktor, kuratierte. Erstmals wurden dabei die Pionierleistungen der experimentellen Filmavantgarden seit den 1920er Jahre aufgearbeitet und dem damals blühenden Undergroundfilm gegenübergestellt. Bereits 1972 waren B. und W. Hein in der documenta 5 vertreten gewesen. Wir freuen uns auf eine Wiederbegegnung – und diskutieren mit Birgit Hein und Wulf Herzogenrath über die Zeit, als auch im Museum die Bilder laufen lernten, dies aber bald auch wieder verlernten. Denn erst Ende der 90er Jahre fand das Bewegtbild endgültig Einzug in die Kunstinstitute. Moderation: Daniel Kothenschulte

 

 

 


James Benning: Grand Opera – A Historical Romance (1979, 16mm, 84’)

Fr 22.11., 22.00 – 24.00h
Filmclub 813, Köln

Wer James Benning als Meister der filmischen Langsamkeit schätzt, wird staunen über seine rasant geschnittene Geschichte des Avantgarde-Kinos. Neben statischen Landschafts- und Stadtaufnahmen stehen experimentelle Spielereien: ein überbordendes Spiel mit verschiedenstem Material. Dazu kommen Auftritte ikonischer Avantgardefilmer wie Hollis Frampton, George Landow, Yvonne Rainer und Michael Snow. „Aus autobiographischen Elementen, 360-Grad-Schwenks über die Fassaden von Häusern, in denen er gelebt hat, und Hinweisen auf seine früheren Arbeiten entwickelt Benning eine komische „strukturelle“ Geschichte seiner Position innerhalb der Avantgarde.“ (The Whitney Museum of American Art).

 

James Benning ist zum Gespräch anwesend.

 

 

 


James Benning: Ruhr (2009, HD Video, 120’)

Sa 23.11., 19.00 – 21.45h
Filmclub 813, Köln

Ruhr ist der erste Film, den James Benning außerhalb Amerikas gedreht hat. Es ist der Blick eines amerikanischen Künstlers auf das Ruhrgebiet. Von Duisburg aus erkundet er in mehreren Reisen die einstige Arbeiterregion. Im Zentrum steht dabei stets sein Begriff von Kultur und Arbeit - Kultur, die aus Arbeit hervorgeht, Arbeit, die Kultur hervorbringt und Kunst, die als Kunstwerk den Kulturbegriff gesellschaftlich vervollständigt.“ (Arsenal Institut für Videokunst)

 

James Benning ist zum Gespräch anwesend.

 

 

 


James Benning: Landscape Suicide (1986, 16mm, 97’)

Sa 23.11., 22.00 – 24.00h
Filmclub 813, Köln

Geografie und Verbrechen stehen oft in enger Verbindung, wie Benning anhand zweier Fälle darlegt: die Ermordung einer kalifornischen Schülerin 1984 und die Serienmorde des E. Gein 1957, der seine Opfer zerstückelte und die Leichenteile präparierte – und als Vorbild von „Psycho“ gilt. Verhör- und Gerichtsprotokollen werden Bilder der Orte gegenübergestellt, an denen diese Menschen lebten und starben. „Mich interessiert das Leben, der Tod und der Ort, aber aus einer gewissen Distanz heraus. Und nur fragmentarisch, so dass der Betrachter den Rest hinzufügen muss. […] Manchmal in der realen Zeit und für einige Dauer, als Denkanstoß oder im Nachvollzug einer Erinnerung." (J. Benning)

 

James Benning ist zum Gespräch anwesend.

 

 

 


Double Play – James Benning and Richard Linklater (R: Gable Klinger, USA/F 2013, 70’)

So 24.11., 19.00 – 21.00h
Filmclub 813, Köln

Beim diesjährigen Filmfestival in Venedig mit dem Löwen für den besten Dokumentarfilm prämiert, erlebt dieses verblüffende Doppelporträt zweier scheinbar denkbar gegensätzlicher Regisseure seine Deutschlandpremiere: Bennings strenge filmische Konzeptkunst trifft auf die Slacker Movies, Coming-of-Age-Geschichten und Liebesfilme Linklaters. Beide Regisseure verbindet nicht nur große Wertschätzung für das Werk des anderen sondern auch eine tiefe Liebe zum Baseball. Und Gabe Klinger findet imponierende Kamerabilder, die beiden entsprechen. Dazu James Bennings unorthodoxe Youtube-Trilogy (2011, Video, 41’) aus Internetfundstücken des Musikliebhabers.

 

 

 


Birgit Hein: Eintagsfliegen / La Moderna Poesia

So 24.11., 21.15 – 22.45h
Filmclub 813, Köln

Kann man die Qualität von Liebe in Zahlengleichnissen ausdrücken? Eintagsfliegen (1997, 25’) verbindet Bilder und Texte der Malerin und Schriftstellerin Gabriele Kutz – eine Statistik des gemeinsamen Schweigens, von gefahrenen Kilometern, getrunkenen Bieren und eingetrocknetem Rotwein. Den roten Faden von La Moderna Poesia (2000, 67’), diesem persönlichen Reiseberichts aus Kuba, bilden dagegen die Portraits von Che Guevara. „Auf riesigen Tafeln im ganzen Land verkünden sie ‚Dein Beispiel lebt’. In diesem Widerspruch von Pathos und Kitsch zum wirklichen Leben spiegelt sich meine eigene gespaltene Situation als Touristin. Aus der Verwunderung ‚Was ist aus Che geworden?’ wird die Frage ‚Was ist aus uns geworden?’“ (B. Hein)

 

 

 


Veranstaltungsorte

Kunstmuseum Bonn

Friedrich-Ebert-Allee 2

53113 Bonn

U-Bahn 16/63/66: Heussallee / Museumsmeile

 

WOKI Bonn

Bertha-von-Suttner-Platz 1-7

53111 Bonn

U-Bahn 62/66: Bertha-von-Suttner-Platz

 

Filmclub 813 e.V.

Kino 813 in der BRÜCKE

Hahnenstraße 6

50667 Köln

U-Bahn 1/3/4/7/9/16/18: Neumarkt

 

Eintritt 5 Euro / 3 Euro (ermäßigt)

 

 

 


Birgit Hein gehörte 1968 zu den Mitorganisatoren des legendären Kölner X-Screen-Festivals. Gemeinsam mit ihrem Ehemann Wilhelm schuf sie Filmcollagen, die das vorgefundene Material radikal dekonstruierten und so die Wirkungsweisen des Films selbst sichtbar machten. Zugleich weckten sie eine politisch empfundene Skepsis gegenüber den Institutionen, die bewegte Bilder liefern. 1977 kuratierte sie mit Wulf Herzogenrath die legendäre Kölner Ausstellung „Film als Film“, die als Markstein der Öffnung der Kunstwelt für die Filmavantgarde gilt – für eine Diskussion zum Thema führt sie die Videonale noch einmal zusammen. Nach der Trennung von Wilhelm Hein schuf sie wegweisende Essayfilme, die in ihrer kompromisslos-persönlichen Ansprache als höchst eigenständige Positionen zu den prägenden Diskursen um Gender, Gewalt oder Feminismus verstanden wurden.

 

 


James Benning erster Langfilm 11x14 (1977) fügt mit statischer Kamera aufgenommene Ansichten aus dem mittleren Westen zu einer paradoxen Erzählung zusammen. Der malerischen Kameraarbeit steht ein kontrapunktisches Zusammenspiel von Bild und Ton entgegen. Obwohl ohne direkten Bezug zur zeitgenössischen Fotokunst eines Stephen Shore, Lewis Baltz oder Bernd und Hilla Becher entstanden, setzen sich Bennings Filme in ähnlicher Weise an die Schnittstelle zwischen dokumentarischer und künstlerischer Wirklichkeitserfassung. Naturschönheit interessiert ihn dabei nicht weniger als Zersiedlung und Industrialisierung. Selbst den Kohlenpott konnte er 2009 (in Ruhr) in sechs Einstellungen von lakonischer Schönheit repräsentieren: Einen Tunnel, einen Wald, eine Fabrik, eine Moschee, ein Graffiti und einen Schornstein. Erstmals in Deutschland ist auch der auf dem Filmfestival Venedig präsentierte Dokumentarfilm Double Play: James Benning and Richard Linklater zu sehen.