Videonale.scope #4 (2016)

24.-26. November 2016

Eine Filmreihe, veranstaltet von der Videonale Bonn

 

Kuratiert von Daniel Kothenschulte

 

50 Jahre filmischer Underground am Rhein: Die VIDEONALE.scope zeigt die Filmkünstler Wilhelm Hein und Lutz Mommartz mit klassischen und neuen Werken

 

Das Jahr 1967 erweckte manche Ausbruchsutopie. In Düsseldorf beschloss ein Oberinspektor des städtischen Bauamts, dass er ein Experimentalfilmer werden wollte. Er besorgte sich eine 16mm-Kamera, und bis zum Anmeldeschluss des wichtigsten Avantgardefilmfestivals im belgischen Knokke hatte er vier Kurzfilme fertig. Drei davon wurden angenommen, zwei liefen im Wettbewerb und einer mit dem Titel „Selbstschüsse“ gewann den 2. Preis, gleich hinter Michael Snows Klassiker „Wavelength“. Auf einen Schlag hatte der 33-jährige Lutz Mommartz einen Namen in der kleinen, aber internationalen Welt des Experimentalfilms. Lutz Mommartz (geb. 1934) blieb noch sieben Jahre Oberinspektor. Dann widmete er sich ganz der Filmkunst, von 1978 bis 1999 lehrte er als Filmprofessor an der Kunstakademie Münster.

 

Ebenfalls in den Wettbewerb von Knokke eingeladen war das Kölner Ehepaar Birgit und Wilhelm Hein. „Nicht zuletzt durch Knokke hat die Gründung von XSCREEN stattgefunden“, erinnerte sich Birgit Hein später, „wo wir angefangen haben, internationale Filmemacher nach Köln einzuladen.“
Nachdem VIDEONALE.scope Birgit Hein bereits 2013 eine umfassende Werkschau gewidmet hat, sind nun Wilhelm Hein und Lutz Mommartz Gäste und Thema der Filmreihe, die die Videonale Bonn jährlich im November in Köln veranstaltet. Fast genau fünf Jahrzehnte nach der künstlerischen Explosion, die das Bewegtbild um 1967 weltweit erlebte, begegnen wir zwei rheinischen Film-Avantgardisten, die bis heute in diesem Medium arbeiten.
Wilhelm Hein (geb. 1940), der mit Birgit Hein 1972 und 1977 an der Documenta teilnahm, vollendete 2013 den epischen 16mm-Experimentalfilm „You Killed the Undergroundfilm Or The Real Meaning of Kunst bleibt ...bleibt...“, an dem er seit 2002 gearbeitet hatte. Erstmals sind in Köln zwei Teile des etwa 12-stündigen Gesamtwerks zu sehen, flankiert von Heins neusten Video-Arbeiten als Weltpremiere: „Das große und das kleine Tohuwabohu, Rolle 23 und 96.“ Als 16mm-Performance mit Live-Musik laufen weiterhin die „Doppelprojektionen 1-4“. Heins autobiographisch gefärbtes Filmwerk verschmilzt eine ganze Bandbreite von Ausdrucksformen des Avantgardefilms: Found-Footage, strukturelle Elemente und dokumentarische Bilder verbinden sich zu performativen Montagen, die sich durch den Einsatz von zugespielten Toncollagen stets erneuern. Hein, der die Kölner Vorführungen persönlich leitet, ist einer der weltweit führenden Vertreter der Film-Performance.

 

Auch im Werk von Lutz Mommartz zählt jedes Einzelbild, auch wenn eine neo-dadaistische Grundhaltung der formalen Perfektion die Strenge nimmt. Jeder seiner frühen Filme ist anders, jeder basiert auf einer anderen Idee: In scheinbarer Naivität erfindet er das Kino ständig neu: In „Selbstschüsse“ (1967) wirft er die Kamera in die Luft und fängt sie auf – „und konnte“, wie er selbst formuliert, „meine Abneigung gegen den herkömmlichen Film zeigen und meine eigenen Grenzen überspringen.“ In „Eisenbahn“ (1967) zieht eine scheinbar endlose Landschaft an einem Zugfenster vorbei, und ist doch nur eine geschickt montierte Endlosschleife. 2007 hatte Michel Gondry die gleiche Idee bei seinem Musikvideo „Star Guitar“. Die namhaftesten deutschen Filmkritiker jener Zeit, Uwe Nettelbeck, Peter W. Jansen, Ulrich Gregor oder Gertrud Koch schwärmten von Mommartz. Und was Enno Patalas 1968 über „Eisenbahn“ schrieb, lässt sich für viele seiner Filme sagen: „Der virtuell endlose Film erscheint zunächst als ein Witz, dann als ein Appell zum Hinsehen und zur Analyse, schließlich als Medium einer Suggestion, die zum Rausch führt.“ Mommartz’ spielerische Anarchie machte ihn zu einem Seelenverwandten Sigmar Polkes, dem er im 8mm-Film „Der schöne Sigmar“ (1971) ein Denkmal setzte. Und ließ ihn zugleich die linke Gegenkultur filmisch begleiten („Mietersolidarität“, 1970). Ende der siebziger Jahre fand Mommartz zu epischen Erzählformen, so frei, humorvoll und persönlich wie seine kurzen Filme. Mit dem amerikanischen Genrestar Eddie Constantine drehte er das experimentelle Roadmovie „Tango durch Deutschland“ (1980); auf 156-Minuten bringt es sein Essay über Landschaft und Leute am Niederrein, der einen Bundesfilmpreis erhielt. Beide selten gezeigten Filme sind nun wieder zu entdecken.

 

PROGRAMM

 

Donnerstag, 24.11.

 

Filmclub 813

19.30 Uhr Retrospektive Wilhelm Hein I

 

Wilhelm & Birgit Hein: Rohfilm, 1968, 16mm, 20 Min., Filmstandbild, Courtesy Wilhelm Hein

 

Rohfilm, 1968, 20 Min.
You Killed the Underground Film or The Real Meaning of Kunst bleibt… bleibt…, 1989-2013, Reel 1, 16mm, 60 Min.

 

21.00 Uhr Retrospektive Wilhelm Hein II

 

Wilhelm Hein: You Killed the Underground Film or The Real Meaning of Kunst bleibt… bleibt…, 1989-2013, 16 mm, 60 Min., Filmstandbild, Foto: Annette Frick

 

You Killed the Underground Film or The Real Meaning of Kunst bleibt… bleibt…, 1989-2013, 16mm, Reel 2, 60 Min

 

Anschließend Gespräch mit Wilhelm Hein

 

22.30 Uhr Retrospektive Lutz Mommartz I: Selbstschüsse - Experimentalfilme der 60er Jahre

 

Lutz Mommartz: Selbstschüsse, 1967, 16mm,  7 Min., Filmstandbild, Courtesy Lutz Mommartz

 

Erste Interviews, 1963-1968, 2016, 4 Min.
Bedienungsanleitung, 1967/2016, 16 mm, 2 Min.
Eisenbahn, 1967, 16 mm, 14 Min.
Selbstschüsse, 1967, 16 mm, 7 Min.
Markeneier, 1967, 16 mm, 8 Min.
Tanzschleife, 1967, 16 mm, 3 Min.
Oben / Unten, 1967, 16 mm, 4 Min.
Der Finger, 1967, 16 mm, 3 Min.
Gegenüber ZWEILEINWANDKINO (Rekonstruktion), 1968, 16 mm, 3 Min.
Immatrikulation, 1968, 16 mm, 5 Min.
Weg zum Nachbarn, 1968, 16 mm, 11 Min.
Überfordert, 1969, 16 mm, 4 Min.

Die Treppe, 1967, 16 mm, 7 Min.

 

Freitag, 25.11.

 

Temporary Gallery

19.30 Uhr Retrospektive Lutz Mommartz II: Kunst und Politik

 

Lutz Mommartz: Soziale Plastik (mit Joseph Beuys), 1969, 16 mm, 12 Min., Filmstandbild, Courtesy Lutz Mommartz

 

Soziale Plastik (mit Joseph Beuys), 1969, 16 mm, 12 Min.

Wählt ADF, 1969. 4 Min.
400 m IFF, 1969, 16 mm, 21 Min.
3 Gläser, 1968, 16 mm, 4 Min.
Altersporno, 1970, 16 mm, 5 Min.

Dreharbeit, 1982, 16 mm, 11 Min.
Anziehen (1985), 2 Min.

 

Gespräch mit Lutz Mommartz

 

Der schöne Sigmar, 1971, 16 mm, 21 Min.

 

21.30 Uhr Retrospektive Wilhelm Hein III

Das große und das kleine Tohuwabohu, Rollen 23 und 96 [Weltpremiere], 120 Min.

 

In Anwesenheit von Wilhelm Hein

 

Samstag, 26.11.

 

Turistarama
15.00 Uhr Retrospektive Lutz Mommartz III: Der Garten Eden

 

Lutz Mommartz: Der Garten Eden, 1977, 16 mm, 156 Min., Filmstandbild, Courtesy Lutz Mommartz
 

Der Garten Eden, 1977, 16 mm, 156 Min.

 

Filmclub 813

19.30 Uhr Retrospektive Lutz Mommartz IV: Als wär's von Beckett

 

Lutz Mommartz:  Dreharbeit, 1982, 16 mm, 11 Min., Filmstandbild, Courtesy Lutz Mommartz

 

Inspektion, 1971, 16 mm, 20 Min.

Die Angst am Rhein, 1974, 16 mm, 7 Min.
Als wär’s von Beckett, 1975, 16 mm, 20 Min.

Kleine Stücke, 2003, 4 Min.
Ohne Titel, 2003, 27 Min.

 

21.30 Uhr Retrospektive Wilhelm Hein IV
Doppelprojektion I – IV,1971-1972, mit Live-Musikbegleitung von Noise du Chocolat, ca. 60 Min.

 

23.00 Uhr Retrospektive Lutz Mommartz V: Tango durch Deutschland

 

Lutz Mommartz: Tango durch Deutschland, 1980, 16mm, 90 Min., Filmstandbild, Courtesy Lutz Mommartz

 

Eddie und Lutz, 1980, 16 mm, 4 Min.

Tango durch Deutschland, 1980, 16mm, Mit Eddie Constantine, 90 Min.

 

EINTRITT

 

6 Euro / 4 Euro (ermäßigt)

 

Kombi-Ticket (2 Scope-Programme) = 10 Euro

Kombi-Ticket (2 Scope-Programme) ermäßigt = 6 Euro

 

 

ORTE

 

Filmclub 813 e.V.
Kino 813 in der BRÜCKE
Hahnenstraße 6
50667 Köln
U-Bahn 1/3/4/7/9/16/18: Neumarkt

 

Temporary Gallery
Zentrum für zeitgenössische Kunst e.V. / Centre for contemporary art
Mauritiuswall 35
50676 Köln
U-Bahn 1/7/12/15: Rudolfplatz

 

Turistarama (alte Lupe 2)
Mauritiussteinweg 102
50676 Köln
U-Bahn 1/3/4/7/9/16/18: Neumarkt
U-Bahn 9: Mauritiussteinweg

 

Alle Informationen zu Videonale.scope sowie zu anderen Filmveranstaltungen in Köln unter: www.filmszene.koeln

 

VIDEONALE.scope wird gefördert von:

 

  

 

Und findet statt in Kooperation mit: